Archiv der Kategorie: Josies Welt

„Kommen Sie bald wieder!“

Ein langer Tisch in einem separaten Raum: Die Alternative für Deutschland mag es gemütlich und diskret. Einmal pro Woche lädt sie Menschen, die sich für die Partei engagieren möchten, in ein argentinisches Restaurant in Berlin-Mitte ein. Ich kann mich nicht für die AfD begeistern, aber ich will gern mal zuhören. Also melde ich mich per E-Mail für das Treffen an.

Jeannette Auricht begrüßt mich, eine Frau mittleren Alters mit kurzen, dunklen Haaren. Am 18. September ist sie ins Berliner Abgeordnetenhaus gewählt worden. Laut der Homepage ihrer Partei arbeitet sie als kaufmännische Angestellte. Wie sie mir und den anderen Menschen, die jetzt nach und nach eintreffen, sofort erzählt, stammt sie aus dem Ostteil Berlins und war in früheren Jahren nicht politisch aktiv. Erst die Ereignisse der vergangenen Jahre führten dazu, dass sie noch zu Bernd Luckes Zeiten der AfD beitrat. Der Euro, die Griechenland-Pakete, die Flüchtlinge, die Kriminalität, die Kürzungen in Bildung und Sozialem – das sind Stichworte, die in den kommenden zwei Stunden immer wieder fallen werden. Auricht moderiert den Kennenlern-Abend zusammen mit einem anderen AfD-Mitglied, einem Arzt. Erst einmal erzählt sie, dass die AfD in Berlin schon 1.200 Mitglieder habe, und verteilt Wahlprogramme. Wir erfahren, dass die Partei nach ihrem Wahlerfolg für viele Themengebiete dringend Mitsteiter suche.

Fünfzehn Personen sind eingeladen worden, fünfzehn sind erschienen. Es ist der Berliner Mittelstand, der sich hier eingefunden hat, Ossis und Wessis gleichermaßen. Außer Jeannette Auricht und mir gibt es noch eine dritte Frau, ansonsten nur Männer. Der Jüngste ist Mitte Zwanzig, der Älteste in Rente. Drei pensionierte Lehrer sitzen am Tisch, mehrere Menschen mit Gesundheitsberufen, Angestellte, Selbständige. Ein Herr stellt sich als Katholik vor, der sich gegen Schwangerschaftsabbrüche engagiere. Ein weiterer Herr berichtet, dass er seit den siebziger Jahren von kommunistischen Kleinstparteien bis zur FDP alles gewählt habe, was das demokratische Spektrum hergibt, zuletzt eben die AfD. Neben mir hat ein ehemaliger Abgeordneter der Linken Platz genommen. Er sei mit Merkels Flüchtlingspolitik nicht einverstanden, erzählt der Mittdreißiger unter zustimmendem Gemurmel. Jedes Mal, wenn er bei den Linken etwas gegen die Aufnahme von noch mehr Menschen sage, stoße er gegen eine Wand. Drei ältere Herren am Tisch entpuppen sich als Sympathisanten der Republikaner, die auch schon den Wahlkampf dieser Partei mitorganisiert haben.

Der Arzt, der mir vorhin, ganz alte Schule, aus der Jacke helfen wollte, erweist sich jetzt als geschickter Moderator. Er hat sich alle Namen notiert und kann jeden richtig ansprechen. Er sorgt dafür, dass alle am Tisch genügend Redezeit bekommen und unterbricht, wenn einer zu ausschweifend wird. Es ist fast gruselig, mitzuerleben, wieviel Sympathiepunkte er allein dadurch gewinnt, dass er jedem geduldig zuhört und auch mal nachfragt, alle ernst nimmt. Das ist es, was viele der Anwesenden offenbar bei den Vertretern etablierter Parteien vermissen. Allzu bereitwillig breiten sie ihre zum Teil konkreten, zum Teil auch recht diffusen Befürchtungen hinsichtlich der Zukunft Deutschlands aus. Jemand mokiert sich darüber, dass Mütter kaum noch Zeit hätten für ihre Kinder. Apropos Kinder: Was können ihnen die kaputt gesparten Berliner Schulen überhaupt noch bieten? Der Arzt fragt reihum jeden am Tisch, was er vom Bildungssystem halte. Schließlich, so erklärt er, wolle die AfD nicht ständig nur über Flüchtlinge reden.

Dann erkundigt er sich nach unseren Fragen zur AfD. Fragen? Natürlich sind wir jetzt doch wieder bei der Flüchtlingspolitik. Die AfD werde sich dafür einsetzen, dass Berlin vorerst keine weiteren Flüchtlinge mehr aufnimmt, erfahren wir. „Warum reden wir immer von Flüchtlingen?“, korrigiert Jeannette Auricht, „es sind doch zum großen Teil Wirtschaftsmigranten.“ Ein Herr schlägt vor, dass die Leute alle übers Mittelmeer zurückgeschickt und ihre Boote verbrannt werden. Ein Herr aus dem Republikaner-Trio vertritt die These, dass Offiziere der Staatssicherheit 1990 das politische System der Bundesrepublik unterwandert hätten. Merkel, Gauck und andere Politiker seien ihre Gehilfen, die jetzt mit der tausendfachen Aufnahme von Menschen den Untergang des Landes herbeiführen wollten.

Der Arzt will noch wissen, was wir uns von den ersten 100 Tagen der AfD im Abgeordnetenhaus erhoffen. Dass sich die Partei von rechter Gewalt distanziere, sagt ein Herr, der seine Position zuvor als „rechtskonservativ“ beschrieben hatte. Wieder nicken viele. Ein Herr aus dem Republikaner-Trio warnt vor der „Lügenpresse“, also den Journalisten, die einem prinzipiell das Wort im Munde verdrehen würden. Er habe viele schlechte Erfahrungen gemacht. Die beiden Moderatoren nicken. Das kennen sie und auch die ständigen Angriffe von Links. Jeannette Auricht hat schon zu Beginn berichtet, dass nicht nur das Auto von Parteichefin Frauke Petry angezündet, sondern auch „einfache Parteisoldaten“ der AfD von linken Aktivisten angegriffen wurden. Jetzt erzählt sie von Restaurantbesitzern, die der AfD Räume für Veranstaltungen zur Verfügung stellten und danach bedroht worden seien. In einem Hotel seien die Scheiben eingeworfen worden. Bis zur Bundestagswahl 2017 werde es wohl noch so weitergehen, mutmaßt Jeannette Auricht. Aber was die Zeit danach angeht, ist sie guten Mutes. Spätestens im Herbst 2017 sei die AfD in der Bundespolitik angekommen. Dann werde ein anderer Wind wehen. Einige am Tisch füllen jetzt Mitgliedsanträge aus. Ich nicht. „Kommen Sie bald wieder!“, ruft mir der Moderator nach.

Tolle Werbung

Wenn freie Journalisten ums Honorar für ihre Arbeit verhandeln, hören sie immer häufiger den Satz „Für Sie ist es doch eine tolle Werbung, dass Sie in unserem angesehenen Medium veröffentlichen dürfen.“ Der Name des Magazins oder des Online-Portals sehe bestimmt gut aus in der Kundenliste des freien Kollegen. Und eine Arbeitsprobe helfe bestimmt bei der künftigen Akquise. Da sollte es dem freien Journalisten nichts ausmachen, dass das Honorar, das er von dem tollen Medium erhält, eher unterirdisch ist.

Folgen wir diesem Argument, dann müssten auch die festangestellten Kolleginnen und Kollegen miese Gehälter bekommen. Wenn sie sich später einmal bei einem anderen Blatt bewerben, haben sie gleich eine ganze Mappe voll mit Arbeitsproben von dem tollen Blatt. Und ein Arbeitszeugnis dazu. Und erst recht die Chefredakteure. Leitender Redakteur bei Spiegel, Zeit und Co. zu sein, dass ist in unserer Branche die beste Werbung, die jemand für sich machen kann. Deshalb lungern diese Leute auch regelmäßig in Talkshows herum und schreiben Bücher, die zu Bestsellern werden, eben weil der leitende Redakteur von dem tollen XY-Medium sie geschrieben hat. Gelungene Eigenwerbung also. Und wenn sich die Person nicht völlig danebenbenimmt, ist eine „Anschlussverwertung“ – um mal das Wort unseres ehemaligen Bundeswirtschaftsministers zu benutzen – zu nahezu 100 Prozent garantiert. Und zwar nicht irgendeine. Leitende Redakteure finden, da sie vorher toll Werbung für sich gemacht haben, später meist einen toll bezahlten Posten in der Medienbranche oder in der freien Wirtschaft.

Wenn wir das Argument mit der Eigenwerbung für bare Münze nehmen, dann müssten sich künftig alle Beschäftigten daran messen lassen, nicht nur die freie Journalisten. Meine Friseurin verdient wohl ohnehin nicht so gut. Künftig werde ich den Preis für einen Haarschnitt noch um die Hälfte kürzen. Dafür teile ich auf jeder Party, die ich besuche, ihre Visitenkarten aus. Wenn sich mein kleiner Neffe bei einem gemeinsamen Sonntagsausflug gut benimmt, erzähle ich allen Anwesenden, dass er in der Kita Sonnenschein von der netten und kompetenten Frau Sauer betreut wird. Gern kann ich auch Frau Sauers Lebenslauf an interessierte Eltern weiterleiten – oder ich schicke ihnen den Link zur Homepage der Kita Sonnenschein, wo das pädagogische Konzept erklärt wird. So mache ich Werbung für sie. So macht sie Werbung für sich. Der wohltuende Effekt ihrer Arbeit könnte kaum besser dargestellt werden. Eine Lohnerhöhung braucht Frau Sauer dann gar nicht mehr. Denn für eine tolle „Anschlussverwertung“ ist gesorgt. Warum hat sie eigentlich gestreikt?

Kind sein in der Designerhölle

Neulich ließ ich mir ein Probeabo der Zeitschrift „Living at home“ aus dem Verlag Gruner + Jahr aufschwatzen. Laut seinem Leitbild ist dieses Unternehmen „ein Haus der Inhalte“. Nun komme ich aus dem Staunen nicht mehr heraus. Schon der Titel des Blattes ist lustig. Wo sollte man denn sonst wohnen als zu Hause? Unter der Brücke? Im Knast? Ich würde sagen: Zu Hause zu wohnen, ist ein weltweiter Trend. Das hat die Redaktion schon mal richtig erkannt.

Im Blatt kommt immer wieder der gleiche Menschenschlag zu Wort. Meist sind es gutaussehende Designer / Antiquitätenhändler / Kunsthandwerkerinnen / Blogger, die den Fotografen ihre Wohnungen und Häuser öffnen. Menschen mit Migrationshintergrund, Menschen mit Behinderung, Menschen mit wenig Geld, alte Menschen kommen so gut wie gar nicht vor. Was sich auf den Fotos zeigt, soll vermutlich für Individualität stehen, wirkt aber immer aufs Neue eintönig: aufgeräumt, unecht, weltfremd.

Die aktuelle Juni-Ausgabe widmet sich dem Landhausstil. Die Wohnhäuser meiner Bekannten auf dem Land sehen von innen rumpelig aus. Die Möbel sind zusammengewürfelt, vollgestopft mit Dingen. Die Einrichtung orientiert sich am Praktischen. Was nicht gebraucht wird, verschwindet von der Arbeitsfläche. Die Bewohner dieser Häuser und ihre Gäste versammeln sich an langen Tischen, welche wochentags von Wachstuchdecken geschützt werden. Aber man sitzt bequem und unterhält sich gut. Gerade weil das Interieur so bunt gemixt und etwas abgeschabt ist, wirkt es auf mich charmant. Hier kann ich meine Beine ausstrecken, ohne dabei eine Bodenvase umzureißen.

Living at home“ präsentiert hingegen seitenlang sterile Orte, die ich kaum zu betreten wagte, käme ich gerade aus einem Hühnerstall oder auch nur von einer langen Wanderung zurück. Auf Seite 46 der Juni-Ausgabe beginnt eine „Wohnen Reportage“ über ein Paar mit drei Kindern aus den Niederlanden. Elf Seiten ist diese Reportage lang, hauptsächlich Fotos. Bei Leuten mit Kindern, die ich so kenne, liegt in fast jedem Zimmer irgendwo Spielzeug herum. Nicht so bei diesem niederländischen Paar. Auf keiner einzigen Aufnahme ist auch nur ein einziges Spielzeug zu sehen. Stattdessen blockieren eine Gläser- und Flaschensammlung und eine Zeitschriftensammlung mehrere Tische und Stühle. Auf einem anderen Tisch trocknet eine Kakteensammlung vor sich hin. Die Dame des Hauses präsentiert Tierfiguren, die sie auf dem Flohmarkt erworben hat. Allerdings sind auch diese wohl nicht zum Spielen gedacht, denn sie werden mittels Glashauben vor dem Verstauben geschützt.

Schon in der vorigen Ausgabe von „Living at home“ offenbarte sich Kinderelend. Eine umfangreiche Fotoreportage zeigte Erwachsene mit ihrem Nachwuchs beim Picknick im Wald. Hier hieß es Stillsitzen – der aufwändig gedeckte Tisch mit der kostbaren Dekoration und dem umfassenden Mahl ließen wohl nichts anderes zu. Übrigens, liebe Redaktion: Wie bekommt man bitte eine vierstöckige Beeren-Torte in den Wald, ohne dass sie dabei Schaden nimmt? Man stelle sich vor, wie die Kinder gequengelt haben, während die Erwachsenen, statt sich mit ihnen zu beschäftigten, sich mit diesem Ding abmühten. Arme Kinder.

Ich frage mich langsam, ob ich das Jugendamt informieren soll.